„Meeresleuchten“ auf Juist

Das sagenumwobene „Meeresleuchten“ wurde bereits 1870 in „20000 Meilen unter dem Meer“ durch Jules Verne als „Leuchtwürmchen“ beschrieben. In dem Buch „Die Wilde 13“ von  Michael Ende, dessen Erstausgabe 1962 erschien, soll ein Magnet im Barbarischen Meer der Auslöser des Meeresleuchtens sein. Erstaunlich finde ich, dass dies die einzigen beiden Erwähnungen in der (bekannten) Literatur sind, die von dem Phänomen überhaupt berichten. Das Meeresleuchten ist eigentlich so faszinierend, dass darüber ganze Roman geschrieben werden sollten, deren Seiten allesamt nach Sommer und Salz schmecken, wenn man nur genau zwischen den Zeilen liest.

Das Meeresleuchten habe ich bisher erst an einem Ort auf dieser Erde gesehen: auf der kleinen, ostfriesischen Insel Juist. Meine Familie fährt nun schon seit drei Generationen auf diese Insel und wenn im Sommer die Austernfischer auf dem Bioturm der Uni anfangen zu Tüt-Tüt-Tüt-en, dann fühlt es sich so an, als würde meine Seele in einen unaufhaltsamen Sog aus Urlaubserinnerungen gezogen werden. Im Wattenmeer sind die Austernfischer allgegenwärtig und seit ich geboren wurde, habe ich (fast) jeden Sommer drei bis fünf Wochen auf Juist gelebt. Der Ruf der Austernfischer ist für mich so eng mit der Insel verknüft, dass es reicht, ihn zwischen den Vorlesungen oder in der Unibibliothek zu hören und ich gerate in Ferienstimmung.

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Juist hat einen (im positiven Sinne) seltsamen Charme: Die Insel ist mit der Fähre erreichbar, aber auch nicht richtig gut, denn die Fährzeiten richten sich nach den Gezeiten. Autos sind verboten – mit Außnahme von Arzt, Rettungswagen und der Feuerwehr fahren alle Betriebe mit Kutschen. Die Inselkinder werden morgens mit der Kindergartenkutsche zum „Schwalbennest“ gefahren und wenn man ohne Fahrrad weitere Strecken zurücklegen möchte, so fahren die Pferdetaxis. Das Inselleben ist sehr beschaulich. Fahrradtouren, ein Besuch im gemütlichen Inselkino, Sonnen am Strand und lange Spaziergänge am Flutsaum bestimmen den Tagesrythmus der Urlauber.

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Für Teenager sind vier Wochen Juist (so sehr ich diese Insel auch liebe) grausam langweilig und so fängt man an sich entweder der Inseljugend, den Rettungsschwimmern oder den Windsurflehrern anzuschließen. Ich habe mich dem Windsurfen gewidmet und einige Sommer an der Surfschule mitgearbeitet. In der Cocktailbar „Café Del Mar“ an der Strandpromenade habe ich viele schöne Abende  gemeinsam mit dem Team der Live-Gitarrenmusik gelauscht und an einem dieser Sommerabende kam einer der anderen Surflehrer aufgeregt von einer kurzen „Raucherpause“ am Strand zurück: „Leute, das ist verrückt: Die Wellen leuchten!“ Mittlerweile bin ich der Meinung, ich hätte diese Aussage hinterfragen sollen, denn die Kombination mit der „Raucherpause“ ist eigentlich offensichtlich, aber die anderen aus dem Team waren schon aufgesprungen und auf dem halben Weg zum Strandabgang.

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Das „Meeresleuchten“ war an diesem einen Abend, dem ersten Abend, an dem ich das Phänomen beobachtet habe, so stark, dass man die Wellen leuchten sehen konnte, wenn man am Strandaufgang stand. Es war allesdings nur ein schwaches Glimmern in der Ferne, denn der Juister Strand hat nicht nur den feinsten Sand der Welt, sondern ist auch sehr, sehr breit. Wir sind also in einer Gruppe aus drei Surflehrern, mir und noch einem Mädchen aus unseren Fortgeschittenenkurs zur Wasserlinie aufgebrochen und wäre ich nicht so aufgeregt gewesen, hätte ich unglaublich über die Strandburgen geflucht, in die ich alle naslang hineingestolpert bin. Wir haben unsere Schuhe an einem der Türme der Rettungsschwimmer zurückgelassen und die Hosenbeine hochgekrempelt. Jeder Fußstapfen im feuchten Sand  hinterließ einen leuchtenden Abdruck in einem kalten Neonblau, der nach wenigen Sekunden wieder erlosch. Die ersten zehn Minuten haben wir damit verbracht, ganz fasziniert auf unsere Fußstapfen zu schauen und mit den Fingern das Wasser in den flachen Prilen zu durchwirbeln. Bis zu dem Moment wusste ich nicht, dass es leuchtendes Wasser wirklich gibt. Ich wusste nicht, dass das Leuchten harmlos ist – es hätte genausogut Atommüllwasser mit radioaktiven Fischaugen sein können, aber es sah einfach so wunderschön aus, dass es mir egal war!

Während ich noch damit beschäftigt war einen Pfad mit meinen leuchtenden Spuren im Sand anzulegen und die durchschnittliche Leuchtdauer zu bestimmen, zogen sich meine Kollegen bereits die Pullover über den Kopf. „Wir gehen jetzt baden, kommt ihr mit?“ Keiner von uns hatte Badekleidung dabei und so kam es, dass mein erst Mal Nachtbaden mit meinem erste Mal Nacktbaden und meinem ersten Mal Meeresleuchten zusammenviel. Ich versuchte mutig zu sein, zog mich rasch aus und legte meine Kleidung mit zu den Schuhen zum Rettungsturm (beim Baden in der Nordsee muss man aufpassen, dass einem bei Flut nicht irgendwann die Kleider wegschwimmen). Nachtbaden ist ein bisschen gruselig, weil man wirklich nicht viel sehen kann. Da das Meer vor Juist gefährlich ist und es eine starke Rippströhmung vor dem Strand gibt, wäre ich auch nie auf den Gedanken gekommen, dass ich ein Nachtbad irgendwann einmal ohne Furcht genießen würde. Aber mit meinen Kollegen um mich herum, von denen einer frenetisch „Ich bin ein Komet“ rief und beim Laufen durch das Wasser einen blau leuchtenden Schweif hinter sich herzog, fühlte ich mich sicher. Außerdem war das Meeresleuchten zu schön, um Angst zu haben. Es war eine warme Sommernacht und es gab keine Wolken, sodass ich den Sternenhimmel sehen konnte, als ich mich auf den Rücken ins Wasser gelegt habe. Die Sterne von oben und das Meer um mich herum in seiner ganzen funkelnden Pracht.

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Ich habe Meeresleuchten mittlerweile rund 10 Mal gesehen, verteilt auf 3 Sommer und leider habe ich (weil es zur Tradition wurde, bei Meeresleuchten baden zu gehen) meine Kamera nie mitgenommen, um den Versuch zu starten, das Phänomen einzufangen und es mit nach Hause zu nehmen. Daher bekommt ihr hier einen Link zu einem wunderbaren Video.

Ich habe den nächsten Tag damit verbracht das Internet (in dem einen Internet Café der Insel) nach einer Erklärung für das Meeresleuchten zu durchsuchen oder zumindest nach anderen Berichten. Was ich zu dem Zeitpunkt erfahren habe, ist, dass es sich um Dinoflagellaten handelt, die für die Biolumineszenz verantwortlich sind- mehr nicht.

Heutzutage bin ich Studentin der Biologie und Chemie und habe neue Informationen aus englischen Publikationen (die mich auch nicht mehr abschrecken können). Hier sind meine Grafiken zur Veranschaulichung:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Grafiken sind alle selbst erstellt- falls ihr sie weiterverwenden möchtet (Schulunterricht, Hausarbeiten, Postkarten :P), bitte ich um eine kurze Email.

Wenn ihr auch einmal dem Meeresleuchten begegnen wollt: an der Nordseeküste kommt es im Sommer innerhalb von vier Wochen im Schnitt an drei Tagen vor. Manchmal ist es sehr, sehr schwach und man kann nur wenige Funken sehen und manchmal ist es genauso stark, wie in dem schönen Youtube Video.

Aber es ist jedes Mal besonders!CIMG2105

Die Chance auf Meeresleuchten erhöht sich übrigens, wenn ihr auf bestimmte Wetterphänomene achtet. Das Wasser muss einen hohen Sauerstoffgehalt aufweisen (zur Bildung der Dioxane essentiell wichtig), es muss also starken Wind gegeben haben (2-4 Tage vorher), damit viel Sauerstoff in das Wasser hineindiffundieren kann und die Wasserschichten (einigermaßen) gut durchmischt werden. Danach brauchen die Dinoflagellaten warmes Wetter und Sonne, sodass die Meeresleuchten- Nächte meist die schönsten Sommertage im Jahr sind.

Durftet ihr auch schonmal Meeresleuchten sehen? Wenn ja: wann und wo? Ich habe von einem der Kite-Lehrer eine wunderbare Geschichte über Meeresleuchten in Kombination mit kristallklarem Wasser in Kroatien gehört… Das würde ich gerne nochmal sehen!

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