Freundliche Fremde

„Wir können keine Reservierung buchen, weil der Zug komplett ausgebucht ist.“, erklärte uns Heike die Bahnangestelle auf englisch am Osloer Bahnhof. Unsere Verzweiflung stand uns wohl ins Gesicht geschrieben, denn die nächsten 15 Minuten brachte sie damit zu uns mit allen möglichen Tricks noch am gleichen Tag zu unserer Cabin zu befördern. Letzendlich gab sie auf. „Ihr müsst den Schaffner fragen ob er euch auch so mitnimmt, ansonsten kann ich euch Tickets für den Abendzug reservieren. Dann kommt ihr aber erst morgen abend in der Hütte an.“ Das waren schlechte Neuigkeiten, denn welcher Schaffner möchte schon acht Jugendliche mit acht Wanderrucksäcken in einem ausgebuchten Zug mit? Das Festsitzen auf dem Osloer Bahnhof nach 24 Stunden ohne Schlaf war auch keine gute Option.

Wir haben also unser Glück bei dem Schaffner probiert und der ist allen ernstes die Liste an Passagieren durchgegangen, hat geschaut wer alles in den Zug einsteigt, wo diese Personen sitzen und wer nicht zur Zugreise aufgetaucht ist. Dieser fantastische Schaffner hat uns vier Sitzplätze organisiert und uns anderen erlaubt zwischen den Abteilen auf dem Boden zu sitzen. Wir waren ihm unendlich dankbar und machten uns auf, um die schönste Fahrt unserer Reise zu genießen (zumindest alle, die noch die Augen offen halten konnten). Ich holte mir einen Kaffee aus dem Bordbistro und N., C., A. und ich machten es uns auf dem Boden im Familienabteil bequem. Bei uns saß ein älteres Ehepaar, was uns sehr freundlich über die Schneeverhältnisse unseres Reisezieles informierte und dann fasziniert dazu überging übermüdete norddeutsche Jugendliche (teilweise auf Coffein) zu beobachten, wie sie die Landschaft bewundern.

Die Zugfahr von Oslo nach Bergen ist einfach nur grandios und jedem zu empfehlen, sie geht einmal Quer durch Norwegen und über ein Hochplateau, P1080253vorbei an steilen Schluchten, Wasserfällen und Gebirgsbächen. An der höchsten Stelle des Plateaus liegt Finse, der Ausgangspunkt für viel Outdooraktivitäten in dieser Region und mit dem eigenen Gletscher „Hardangerjøkulen“ direkt am Rande der Hadangervidda. Seit ich die Geschichten von Silvia Furthwängler lese wollte ich die Hadagervidda mit eigenen Augen sehen und ja wir saßen in einem Zug und waren nicht in der Gegend wandern, aber durch den begrenzten zeitlichen Rahmen muss das vorerst reichen.

Als wir in Mjölfjell endlich angekommen sind, wollten wir so schnell wie möglich in die Cabin und so schnell wie möglich schlafen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir circa 34 Stunden ohne Schlaf (bzw. ein bis zwei Stunden Schlaf im Reisebus von Göteborg bis Oslo) und wir folgten schliddernd auf der zugefrorenen Straße der Wegbeschreibung von Casamundo.

Nachdem wir gefühlte drei Kilometer der Straße gefolgt waren, hatten wir leichte Zweifel daran, dass die Hütte wirklich nur 1,5 Kilometer vom Bahnhof entfernt sein soll. Außerdem war es halb vier nachmittags und die Sonne ging sicher und stetig unter. Wir setzten unsere Wanderrucksäcke bei einem Post- und Müllstop an der Straße ab und teilten uns in Gruppen auf um effektiver suchen zu können. C. und ich stießen nach kurzer Zeit auf eine einsame Wanderin, die uns auch prompt ansprach.

Cilia (die Wanderin) und ihr Mann machen schon seit Jahren Urlaub in dem kleinen Tal in dem wir unsere Cabin gemietet haben. Für ihren Mann war die Suche nach der Cabin ein interessantes Rätsel und die beiden waren unglaublich hilfsbereit. Während N. und ich mit Cilias Mann in seinem Auto saßen und nach der Hütte suchten, durfte der Rest der Truppe sich bei dem Paar im Haus aufwärmen. Cilias Mann bemerkte nur lässig „Wir sind hier in den Bergen, da hilft man sich gegenseitig!“ und nachdem wir die Hütte ausfindig gemacht hatten, fuhr er noch zwei extra Touren für unsere Rucksäcke und den Rest der Crew. Bei dem Gedanken, dass wir die Beiden auch nicht hätten treffen können, wird mir ganz mulmig. Die Straße hat keine Beleuchtung und die Cabin war noch einen ganzen Fußmarsch von unserem Startpunkt des Suche entfernt. Wir hätte sie niemals gefunden und waren gleichzeitig erschöpft und müde.

Aber die Cabin war warm und freundlich und holzig und hatte Betten. Ich habe geschlafen wie ein Stein!P1080255

 

 

 

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