Jodeln um sechs Uhr morgens

A. akzeptierte die Kaninchen nicht nur, sie wurde mit Leib und Seele Kaninchenmama. Sie entdeckte, dass die Kleinen hervorragend schlafen, wenn man sie unter das Hemd zwischen seine Brüste legt. 15748132_1206955169389200_822153453_oWir sind uns einig, dass Brüste wahrscheinlich extra  evolviert sind um mutterlose Babykaninchen zu beruhigen und zu wärmen. Außerdem fanden wir heraus, dass man einem Babykaninchen im Halbschlaf ein wenig Milch füttern kann, ohne das es merkt, dass das keine Muttermilch ist. Meistens handelte es sich hierbei nur um ein bis zwei Tropfen der Milch (die zunächst von den Tieren im Mund umhergeschoben wurden, bis sie sie schluckten) aber auch über diese kleinen Mengen waren wir sehr glücklich. 15051972_1160238144060903_257134149_o

Wir lagen selig auf dem Boden, schlafende Kaninchen auf uns und unterhielten uns über Kaninchennamen. Uns war bewusst, dass die Kaninchen jede Stunde plötzlich sterben konnten. Uns war bewusst, dass wir Wildtiere aufgenommen hatten und diese nicht in der Wohnung bleiben konnten, wenn sie einmal größer geworden sind. Uns war bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit, dass alle drei bis zum Erwachsenenalter überleben relativ gering war. Und dennoch ist es ein menschliches Bedürfnis jedem Wesen einen Namen zu geben. Wir nannten das dritte Kaninchen „Wildfang“, und die ersten Beiden „Krümel und Kecks“. Nach kurzer Überlegung entschieden wir uns dafür, dass die Kleinen Kämpfernamen brauchten und so wurden sie zu „Kampfkeks“ und „Terrorkrümel“.

L. wachte gegen Mittag auf, hörte uns kichern und über Namen sinnieren und bereitete dem Unfug rabiat ein Ende. „Wenn sie nicht überleben möchte ich, dass sie keinen Namen hatten.“, erklärte sie, „Außerdem sind das Wildkaninchen!“ Wir gaben den Kaninchen die Ziffern 1, 2 und 3.  Nummer 1 ist sehr schläfrig und verschmust, Nummer 2 war unser Sorgenkaninchen, da Nummer 2 sehr leicht war und die Milch verabscheute und Nummer 3 war als Nachzügler dazu gekommen.

Am späten Abend entschied sich Nummer 1 dazu, dass die Milch vielleicht doch nicht so schlecht schmeckt (oder Nummer 1 hatte einfach Hunger). So gierig, wie ein hundert Gramm Flauschball nur sein kann trank er einen Milliliter und akzeptierte nicht nur den Nuckel, sondern schluckte die Milch auch anständig. Das war ein wunderbarer Moment und wir mussten auch nur 35 Stunden darauf warten.

Gerade die ersten Tage einer Handaufzucht sind eine schwierige Zeit. Die Ungewissheit, ob der Pflegling überleben wird oder nicht und gleichzeitig der hohe Einsatz, den man zeigen muss, damit der Pflegling eine faire Chance hat zehren an den Nerven. 15776318_1206887112729339_1617685008_o

Während der ersten Nacht der Kleinen in unserer Obhut entwickelten C. und ich einen Plan . Wir fingen an die Geschichte der Kaninchen bei uns in „Jodeln“ festzuhalten. Jodel ist eine Studentenapp, welche anonym in einem Radius von 15 km funktioniert. Nutzer posten kleine Texte oder Bilder, welche meist zu lustigen Alltagswitzen oder regionalen Insidern führen. Der erste Jodel war ein Bild von Nummer 2 unserem Sorgenkind mit der Beschriftung „um 6 Uhr wach für die Babys (und um 4 und 2)“. Während der ersten Woche machten wir uns alle Sorgen um die Kaninchen und wir waren gleichzeitig sehr übermüdet. Die Nächte hatten wir uns in Schichten aufgeteilt und wenn eines der Tiere verstorben wäre, so hätten wir den Trost der Studenten der Stadt bei uns gehabt. Es hat mir ein gutes Gefühl gegeben, dass ich morgens um 6 Uhr zwar die Einzige in der WG war, die wach war, aber viele Studenten noch (oder schon wieder) wach sind und auf ein Kaninchenupdate warten. Dadurch waren die Nächte nicht ganz so einsam. Danke Studenten der Uni K! Das allererste Bild wurde von mindestens 108 Personen gesehen, die danach mit ihren Gedanken immer mal wieder bei uns waren.

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